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Rede Karin Junker, MdEP
Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen

anlässlich der Veranstaltung Ladies' Brunch
der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen und des Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V. am 10. März 2000 in Berlin

Anrede,

der Internationale Frauentag, seit 1911 ein politischer Kampftag der Frauen der Arbeiterbewegung, gibt alljährlich Anlass, ein Unmaß an Defiziten zu beklagen und daraus unzählige Forderungen abzuleiten, von denen - da notorisch unerfüllt - leider die wenigsten neu sind. Dennoch: 20 Jahre zurückgedacht, jedenfalls auf West-Niveau bezogen, jammern wir heute auf deutlich höherem Niveau. Übrigens immer mehr im Chor mit einem breiter werdenden Spektrum von Frauen und Frauengruppen bzw. Organisationen weit über das "klassische" Spektrum der Frauen aus SPD und Gewerkschaften hinaus.

Ich will der Versuchung widerstehen zu bilanzieren, welche Bastionen des Patriarchats Frauen zu Beginn der sozialliberalen Koalition noch den Zugang zu nahezu jeder gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Machtbeteiligung versperrten, wie mühselig es war, Breschen zu schlagen und wie in 16 Kohl-Jahren emanzipatorischer Stillstand Erfolge gefährdet und Motivationen erstickt hat. Das ist nur die eine Seite der Medaille, und wir dürfen sie nicht aus den Augen verlieren.

Die Frauenbewegung hat sich professionalisiert

Die andere Seite ist die: Es ist eine blendend gebildete und ausgebildete Frauengeneration herangewachsen, die Führungspositionen erklommen hat, in feinem Tuch statt kleinem Karo vor Unternehmergeist sprüht, Fun im Cyberspace hat und nicht nur durch die Netze surft, sondern solche auch bildet, um von einander zu profitieren und sich gegenseitig den Rücken zu stärken auf dem Weg nach oben. Nicht nur die Mühseligen und Beladenen sollen unserer politischen Zuwendung gewiss sein, sondern auch die Frauen, die es geschafft haben und eindrucksvoll bezeugen, dass frau es zu etwas bringen kann. Das macht mehr Mut zur Nachahmung als Tonnen von bedrucktem Papier.

Daher: Willkommen zum Ladies' Brunch der SPD-Frauen in Kooperation mit dem Freundeskreis des Willy-Brandt-Hauses, in dem man gewiss zu recht auch Trendsetterinnen und sonstige Frauen vermuten darf, die der jetzige Kanzler der von ihm so geschätzten "Neuen Mitte" zuordnen dürfte. Der "Marsch durch die Institutionen" hat auch die Frauen erfasst, nicht zuletzt dank der von SPD-Frauen vorangetriebenen Institutionalisierung von Frauenpolitik in Kommunen, Ländern, Arbeitsverwaltung usw. mit einer Vielzahl von Frauenbüros und Gleichstellungsstellen bis hin zu Interessenvertreterinnen im Kabinettsrang, flankiert von zahllosen Lobbygruppen aller Art.

Die vielgeschmähte Frauenbewegung ist nicht tot. Sie hat sich gewandelt, vor allem professionalisiert. Sie kommt nicht mehr in spektakulären Demonstrationen daher, sondern mit Gesetzesvorlagen und Handlungskonzepten. Die selbstverwalteten Projekte von einst sind Firmengründungen pragmatischer Art gewichen. Wir leben im Postfeminismus, auch wenn manche diese Erkenntnis schmerzlich trifft. Die Autorinnen Marianne Wellershoff und Susanne Weingarten haben in ihrem Buch "Die widerspenstigen Töchter" dennoch Trost für enttäuschte Altfeministinnen: "In Deutschland gibt es einen Feminismus ohne Frauenbewegung" - der Aufstieg in die Chefetagen ist die derzeitige feministische Realpolitik. Er vollzieht sich auf den Wegen der Werte, die von den Großmüttern und Müttern der "widerspenstigen Töchter" erstritten wurden: Wahlrecht, Zugang zu den Universitäten, Abschaffung von beruflichen Zugangsbeschränkungen - das jüngste Beispiel ist die Öffnung des Waffendienstes bei der Bundeswehr - und viele andere Reformschritte haben die Möglichkeit einer selbstbestimmten Lebensplanung überhaupt erst geschaffen, unabhängig vom Mann und der Versorgungsinstitution Ehe.

Beruf, Kinder und Karriere sind heute angesagt

Kinder, Küche, Kirche haben ausgedient. Beruf, Kinder, Karriere sind heute angesagt. Klara Zetkins Nachfahrinnen benutzen nicht mehr den sperrigen Begriff von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Sie reden vom doppelten Lebensentwurf - siehe oben - und meinen das selbe. Die Decke über den Frauennischen ist nicht mehr aus Beton, sondern gläsern geworden, aber wenn frau daran stößt, tut es immer noch weh. Deshalb ist Frauen- und Gleichstellungspolitik nicht überflüssig.

Auch die Zeitschriftenverlage haben ihre liebe Not damit, wie der Wandel zeitgeistmäßig aufbereitet werden kann. Je nach Alter, Lebenssituation, Interessenlagen und Werthaltungen gehen die Erwartungen von Frauen heute weit mehr auseinander als früher. Im wirklichen Leben haben wir es schon lange mit einer Pluralisierung der Lebensformen zu tun. Das häufig favorisierte Drei-Phasen-Modell: Schule und Ausbildung, Beruf bis zur Heirat und Geburt der Kinder, Hausfrau für die Zeit der Kindererziehung und Wiedereinstieg nach längerer Unterbrechung ist out. Es überwiegt die Patchworkbiographie: Zeiten der (Aus-)Bildung, der Erwerbstätigkeit, der Erwerbsunterbrechung, des Singledaseins und des trauscheinlosen Zusammenlebens, Eheschließung und Scheidung, Zusammenleben mit Kindern, aber nicht unbedingt (nur) den eigenen, das alles können Phasen eines einzigen Frauenlebens sein, natürlich auch von Männerleben.

Die Kommmunikationsindustrie hat sich längst darauf eingestellt. Die Politik hinkt noch hinterher. Die Frauenfrage ist daher mitnichten erledigt. Ob Steuer- oder Rentenrecht, ob Tarifpolitik oder Arbeitszeitgestaltung: Grundlage ist noch immer das Leitbild der berühmten Vier-Personen-Arbeitnehmer-Familie mit dem alleinverdienenden (Ehe-)Mann, einer höchstens dazuverdienenden (Ehe-)Frau und zwei (eigenen) Kindern. Entsprechend haben wir es mit einem Steuerrecht zu tun, das (auch die kinderlose!) Alleinverdiener-Ehe begünstigt, nichteheliche Lebensformen nicht zur Kenntnis nimmt und, wie das Rentenrecht, für Frauen ein Unterhaltsersatzmodell zugrunde legt. Alle Steuerreformen haben an dieser Stelle Sendepause, und die vorsichtigen Reformüberlegungen des Arbeits- und Sozialministers zum Einstieg in eine eigenständige Alterssicherung der Frau lassen die notwendige Konsequenz vermissen. Reformbedarf also allenthalben, das Abschneiden patriarchalischer Zöpfe noch hoch aktuell.

Frauen sind Deutschlands tollstes Reformpotential

Jenseits der gesetzgeberischen Ebene und politischen Institutionen kreieren pfiffige Frauen ihren persönlichen Reformbedarf selbst. Zu enge Grenzen im Job? Dann machen sie sich eben selbständig und schaffen mit etwas Glück dabei auch noch Arbeitsplätze für Frauen, führen Arbeitszeitkonten ein, finden bedarfsgerechte Lösungen für Kinderbetreuung und so weiter. Deutschlands tollstes Reformpotential sind die Frauen selbst. Schließlich können sie nicht warten, bis sich das Modell "neuer Mann" flächendeckend durchgesetzt hat.

Da der politische Aschermittwoch noch einwenig in der Luft liegt, sei noch ein aktueller Abstecher erlaubt: Die Nachfolgeregelung für die CDU-Führung soll nicht unsere Sorge sein. Aber es ist schon interessant zu beobachten, wie sich die düpierten Herren von hinterhältig bis unverhohlen unter Einsatz aller gängigen Diskriminierungsmittel darin überbieten, einer Frau die Übernahme des Vorsitzes madig zu machen und dabei ganz tief in die Vorurteilskiste greifen. Über die Führungsqualitäten von Frau Merkel entscheiden nicht Outfit und Frisur. Wer hat dem jungen, aber erzkonservativen Herrn Merz eigentlich nahegelegt, "mehr aus sich zu machen" und daran Anstoß genommen, dass er nicht gerade ein Beau ist? Natürlich niemand, das hätte man ja auch nicht anders erwartet. Wie still die Frauen der Union sind, überrascht dagegen schon. Wo bleibt das Wort der Vorsitzenden Rita Süssmuth, sonst die Stimme vom feministischen Dienst der Union. Und wo war sie, als überhaupt nur eine Frau die Chance erhielt, in den neuen Fraktionsvorstand der CDU einzuziehen und dies auch nur in Kampfkandidatur gegen einen Mann?

Eine Frau macht noch keine Emanzipation

Eine Frau als Vorsitzende der CDU hätte wahrlich etwas von einer verbandsinternen Revolution und gewiss eine vorübergehende Mobilisierung in der Außenwirkung. Aber wirklich ändern würde sich nichts, darauf darf man vertrauen. Maggie Thatcher hat die britischen Tories ihrerseits auch nicht feministisch geläutert, worauf es im übrigen auch gar nicht ankommt. Jenseits aller (durchaus berechtigten) Erwartungen an eine andere Politik durch, mit und für Frauen ist die Beteiligung von Frauen an den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen einfach eine Frage der Gerechtigkeit: Frauen steht die Hälfte des Kuchens zu, basta.

Nun werden wir es in der SPD auf längere Sicht voraussichtlich mit einem männlichen Parteivorsitzenden zu tun haben, der hoffentlich auch über längere Zeit die Richtlinien der Politik bestimmen kann. Eine ansehnliche weibliche Entourage in Partei, Fraktion und Regierung steht für den Anspruch "Ladies first". Darauf wollen wir anstoßen, Spaß haben, Ideen austauschen und Kreativität aufsaugen, um ganz vorn dabei zu sein in der aufregenden Zeit des gesellschaftlichen Wandels an der Schwelle von der Industriegesellschaft zur Informations- und Wissensgesellschaft. Das Treffen heute soll kein einmaliges Ereignis zum ersten Internationalen Frauentag des neuen Jahrhunderts sein, sondern Auftakt zu einem neuen informellen Netz von Frauen, die mitreden und mitgestalten wollen. In diesem Sinne freue ich mich heute schon auf "Ladies' Brunch", die zweite.